Madagaskar ist das neue Vorbild in Afrika. Seine Wirtschaft wächst, doch die meisten Bürger haben nichts vom Wohlstand.
Zum Frühstück die Butter – von Tiko. Nachmittags ein Eis – von Tiko. Abends der Käse zum Dessert – von Tiko. Das Schild mit diesem Namen hängt überall in Madagaskar, an tausend Läden, Supermärkten, Hauswänden. Tiko ist die Firma des Präsidenten. In seinen zwei Zeitungen kann man nachlesen, wie seine Geschäfte laufen. Sein Radiosender und sein Fernsehkanal MBS informieren über seine Politik. Kein Wunder, dass Marc Ravalomanana gern mit Silvio Berlusconi verglichen wird. Aber da tut man ihm unrecht. Denn er ist kein mafioser Scharlatan, sondern ein ehrlicher Makler, der nur das Beste will für sein Land – und gewiss auch für sein Unternehmen. »Er ist ein Hoffnungsträger«, befand Bundespräsident Horst Köhler, als er seinen Amtskollegen in Madagaskar vor einigen Monaten besuchte.
Ravalomanana sorgt nämlich zur Abwechslung für gute Nachrichten aus Afrika, er bricht mit dem Klischee vom Kontinent der Kriege, Krisen und Katastrophen. In seinem extrem armen Inselstaat geht es bergauf, seit er regiert, die Zahlen belegen es. Die Wirtschaft wächst mit sechs Prozent, die Inflation ist für afrikanische Verhältnisse moderat, Investoren klopfen an. Im Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung hat Madagaskar binnen drei Jahren den größten Sprung aller erfassten Länder gemacht: von Rang 60 auf Rang 25! Ein Satz, so groß, dass Optimisten schon von einem afrikanischen Tiger sprechen.
Das ist ein gewagter Vergleich – ganz abgesehen davon, dass es in Afrika keine Tiger gibt. Denn die Mehrzahl der Madagassen spürt nicht viel vom Aufschwung. Drei Viertel der 18 Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze, das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt 320 Dollar. 60 Prozent sind Analphabeten, der Bildungssektor und das Gesundheitswesen, die Infrastruktur und die Verwaltung sind in einem jämmerlichen Zustand.
Ravalomanana ist entschlossen, die Misere zu überwinden. Er liberalisiert das sklerotische Wirtschaftssystem, er privatisiert die maroden Staatsbetriebe und Banken, er arbeitet unermüdlich an seiner Vision, manche sagen, mit manischer Besessenheit. Nur durchschlagende Erfolge wollen sich bislang nicht einstellen, das berühmte trickle down, das Durchsickern der Wachstumsgewinne nach unten zu den Bedürftigen, funktioniert auch in Madagaskar nicht. Die Macht der Traditionen, die Widerwilligkeit der fünfzig herrschenden Familienclans, der kollektive Schlendrian sind stärker. Mora mora heißt seit Menschengedenken das Motto der Insulaner – langsam, langsam.
Etwa alle vier Monate baut der Staatschef sein Kabinett um.
Es sei in dieser Weltgegend eben einfacher, einen Lemuren auszusetzen, als die Lehren des Neoliberalismus anzuwenden, frotzelt ein Entwicklungsexperte im Zoo der Hauptstadt Antananarivo. Er spielte auf den Roten Vari an, den Primatologen in Deutschland nachgezüchtet haben und der sich in seinem ursprünglichen Habitat sichtlich wohlfühlt. Die schöne ökonomische Theorie aus der reichen Wohlstandswelt ist, um in der Sprache der Zoologen zu bleiben, weniger angepasst.
Im Volk mehren sich die Zweifel an den Radikalrezepten, die Ravalomanana importiert hat. Man hört die Menschen klagen, dass das Grundnahrungsmittel Reis immer teurer wird. Dass die Strompreise nach der Privatisierung des staatlichen Energieversorgers Jirama um bis zu 60 Prozent angestiegen sind. Dass auf 10000 Bürger nach wie vor nur zwei Krankenhausbetten kommen. Der in der Fremde so hoch gelobte Staatschef ist daheim also gar nicht mehr so beliebt wie vor fünf Jahren, als er, unterstützt von einer unbeugsamen Volksbewegung, den alten Diktator Didier Ratsiraka in der ersten halbwegs demokratischen Wahl in der Geschichte des Landes stürzte.
Aber je länger die Wende zurückliegt, umso weiter entfernt sich Ravalomanana von den Grundregeln der Demokratie. Im Vorjahr dachte der strenggläubige Christ sogar laut darüber nach, eine Theokratie zu errichten, einen Gottesstaat. Ravalomanana hat ein ehrgeiziges Reformprogramm, es heißt développement rapide et durable, schnelle und nachhaltige Entwicklung. Er will die Misswirtschaft bekämpfen und die Korruption, vor allem aber die Armut. Das meint er absolut ernst, auch seine Kritiker haben keinen Zweifel daran. Das Problem ist nur, dass Ravalomanana seine Mission ganz allein durchziehen will. Der Aufsteiger aus bescheidenen Verhältnissen führt den Staat wie seine Firma, Widerworte mag er nicht. Die kritische Presse nennt er »schwachköpfig«, Demonstrationen der Opposition lässt er verbieten. Wichtige Entscheidungen werden ausschließlich in der Höhenluft des Präsidialamtes gefällt. Vom Parlament scheint der Präsident so wenig zu halten wie von der Exekutive – er baut das Kabinett durchschnittlich alle vier Monate um, allein drei Justizminister hat er bereits verschlissen.
Ravalomanana umgibt sich lieber mit einer Truppe von Vazaha, von ausländischen Beratern; insgesamt 17 stehen in seinen persönlichen Diensten. Freilich hocken die Berater auf einem Schleudersitz, das hat in Madagaskar Tradition. Schon die Königin Ranavalona I. ließ sich im 19. Jahrhundert vom Franzosen Jean Laborde ein industrielles Lohnsklavensystem einflüstern. Das Unternehmen misslang, der Projekteur musste nach Réunion fliehen.
Das war quasi ein erster Globalisierungsversuch auf dem Eiland. Der zweite – unter Ravalomanana – wird kräftig vom Ausland alimentiert. Die Gläubiger haben Madagaskar 836 Millionen Dollar Schulden erlassen, die Weltbank überweist großzügig Kredite, die USA sind ungewöhnlich spendabel, und auch aus der Europäischen Union erhält das Land, gemessen an seiner Größe und Bedeutung, stattliche Zuwendungen. »Madagaskar wird zurzeit mit Geschenken aller Art regelrecht überschüttet«, meint ein Landeskenner.
Selbstverständlich knüpfen die Geber ihre finanzielle und technische Hilfe an Konditionen. Ganz oben steht good governance, kluge, rationale Regierungsführung. Aus der Fernsicht des Nordens erfüllt Ravalomanana dieses Kriterium durchaus. Im Übrigen schauen die Förderer gar nicht so genau hin, sie möchten diesen Mann einfach reüssieren sehen, gescheiterte Reformer und Staatsplünderer gibt es in Afrika schon genug. Vielleicht erfüllt der mit 56 Jahren vergleichsweise junge Staatschef mit seiner expertengestützten Autokratie ihre geheimen Wünsche nach einer sanften Entwicklungsdiktatur? Vielleicht wächst da ein neuer Yoweri Museveni heran, der in Uganda mit seiner »Keine-Parteien-Demokratie« lange Zeit politische Narrenfreiheit genoss, weil er wirtschaftlich einigermaßen erfolgreich war? Oder ist es trotz der wachsenden Vorbehalte einfach wie im Schachspiel der internationalen Entwicklungsindustrie: pièce touchée, pièce jouée – die berührte Figur muss auch gezogen werden?
Die Weltbank jedenfalls hat drei »Wachstumsbranchen« identifiziert, die nun unterstützt werden. Um die Hauptstadt Antananarivo herum sollen Gewerbeparks entstehen, die Landwirtschaft soll gefördert und der Tourismussektor ausgebaut werden. Zudem hofft das Land auch weiterhin auf Exporte von Kleidung und Textilien – obwohl dort Konkurrenz aus Indien und China droht. Deren Arbeiter verdienen zwar doppelt so viel wie ein Madagasse, aber die Größenvorteile asiatischer Standorte gleichen das wieder aus. Bleibt der Bergbau: Hier haben britische, kanadische und japanische Firmen bereits eine knappe Milliarde Dollar unter anderem in den Abbau von Kupfer und Kobalt investiert. Geht alles gut, könnten die Ausfuhrerlöse Madagaskars aus dem Bergbau bis 2010 auf über 500 Millionen Dollar im Jahr steigen.
Vorbehaltlos unterstützt wird Ravalomanana von seinen ausländischen Partnern auch beim Umweltschutz. Madagaskar ist schließlich ein Testfeld für die Glaubwürdigkeit des Prozesses, der 1992 beim Erdgipfel in Rio eingeleitet wurde. Kein anderer Staat der Welt weist eine größere Vielfalt von endemischen Arten auf, und vermutlich ist in keinem anderen die Biodiversität so akut bedroht durch die Not der Armen und die Gier der Reichen.
Von der ursprünglichen Inselvegetation existieren nur noch zehn Prozent, weite Gebiete sind kahl und haben sich in erodierende Kiesgrubenlandschaften verwandelt, die Restwälder sehen vielerorts wie zerfranste Bettlerröcke aus. Brandrodung, Brennstoffentnahme, Holzeinschlag – es ist der global übliche Raubbau, allerdings im Zeitraffer. Aber die Regierung Ravalomanana gelobt, ihre »Arche Noah« mit der Hilfe internationaler Umweltschutzorganisationen zu retten. Wie kompliziert das ist, zeigte sich bei einem Ausflug zum Nationalpark Ankarafantsika, der sich mit deutschen Geldern und deutschem Know-how zu einem vorbildlichen Naturschutzprojekt entwickelt hat. Da spazierte bei der Besichtigung der Lemuren und Chamäleons ein kleiner silberhaariger Herr im Schatten von Marc Ravalomanana durch den Trockenwald. Man sagt ihm nach, er sei in illegale Geschäfte mit Tropenholz verwickelt. Der Herr heißt Charles Sylvain Rabotoarison. Er ist, nun ja, der Umweltminister von Madagaskar.
DIE ZEIT, 19.10.2006, von Bartholomäus Grill